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MIT DER SEELE DES TEUFELSGEIGERS IM LEIB
Kleine Entstehungsgeschichte von KINSKI PAGANINI
zusammengestellt von Carsten Frank

Hintergrund

Irgendwann in den 60er Jahren, während Klaus Kinski von Film zu Film hetzt, nimmt in Wien ein Projekt seinen Anfang, das ihn sein ganzes Leben verfolgen wird.
Er steht vor der Auslage eines Musikaliengeschäftes und entdeckt die Abbildung eines seltsam aussehenden Mannes. Kinski verweilt in irritierter und faszinierter Betrachtung, erkundigt sich beim Händler und stürzt aus dem Geschäft: "Ich hatte nicht gewußt, daß ich Paganini war." (Klaus Kinski: Ich brauche Liebe. München 1991. S. 449)
Ein folgenschweres Schlüsselerlebnis: Kinski hortet in seiner römischen Villa in der Via Appia Antica alles, was er über Nicolò Paganini auftreiben kann. Sämtliche Wände seines Hauses sind mit verschiedensten Portraits behängt; er umgibt sich mit Studien, die Details seiner Hände und Finger beim Geigenspiel zeigen; er sammelt Faksimiles von Tourneeplakaten, von Autographen, natürlich auch Abbildungen von Paganinis Wundergeige "Guarneri del Gesù".
Die Identifikation ist total, Kinski spricht gar von Reinkarnation, Parallelen drängen sich auf: die Verausgabung für das Publikum; die Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten; der exzessive Lebenswandel; ein Leben von Konzert zu Konzert, von Film zu Film; die kompromißlose Äußerung; die unersättliche Lust am Sex; ein von der Öffentlichkeit zum Skandal aufgebauschtes Leben - nicht zuletzt die äußerliche Ähnlichkeit.
Kurze Zeit nach seinem Erlebnis in Wien entwirft er das erste Drehbuch. Es ist ein "Stenogramm" aus Andeutungen und Anregungen. "Der Versuch Paganini in die übliche Form eines Filmes einzuzwängen, hieß ihn lebendig einzumauern." (Klaus Kinski: Paganini. München 1992. S. 37)
Kinski versucht bei italienischen Produzenten Geld aufzutreiben. Das Interesse scheint groß zu sein, auch akzeptiert man, daß nur er selbst Regie führen kann. Schließlich sind alle Bemühungen umsonst. Eine europäische Co-Produktion unter deutscher Beteiligung von Horst Wendlandt scheitert und der risikofreudige italienische Produzent Alfredo Bini, der auch einige Filme von Pier Paolo Pasolini finanziert hat und eine Co-Produktion mit der Sowjetunion in Erwägung zieht, muß seine Pläne aufgeben.
Kinski muß sein Filmprojekt ruhen lassen, für das er schon einige lukrative Rollenangebote abgelehnt hat. In den folgenden Jahren spricht er kaum mehr über sein ehrgeizige Vorhaben und weicht aus, wenn ihn jemand darauf anspricht.
Sooft Kinski sich in seiner Villa in Rom aufhält, experimentiert er in den weiten Sälen, in den engen Wandelgängen, unter freiem Nachthimmel und in den Gewölben der im Umkreis verstreuten Katakomben für Paganini. Er ist entschlossen, Paganini ohne künstliche Beleuchtung, also nur mit dem vorhandenen Naturlicht, zu drehen und probt - mittels eines Handspiegels, in welchem der Schein einer einzigen Kerze reflektiert wird - bizarre Licht- und Schattenwirkungen. Nicht zuletzt entstand der fertige Film aus seiner "Berufserfahrung". Er mußte mitansehen, wie man lieber künstliche Lichtquellen einsetzte und das Naturlicht ignorierte: "Mit einem Satz - man mordete das Leben." (ebd., S. 42)
Ähnliches widerfährt ihm Jahre später in einem römischen Musikstudio, als er die Soli des Virtuosen Salvatore Accardo für den fertiggestellten Kinski Paganini aufnehmen will und feststellen muß, daß die Musik im Studio "klinisch vom Interpreten abgesondert" wird. (ebd., S. 207) Kinski aber will das Gegenteil. Die Tonspur wird nicht "retuschiert", alle spieltechnischen Nebengeräusche sind erwünscht: "das Ergreifen der Saiten, das Berühren des Holzes, Accardos Atem". (ebd., S. 207) So verändert er die Anordnung der Studiomikrophone radikal, um die gewünschte Lebendigkeit erzielen zu können. Accardo wird für den Film auch erstmals die drei Wiegenlieder, die Berceuses, die Paganini für seinen Sohn Achille komponiert hatte, auf seiner Stradivari spielen; sie waren noch auf keiner Platte veröffentlicht. Überhaupt war Paganinis Musik Kinskis ständige Begleiterin. Oft preßt er seinen ganzen Körper gegen die riesigen Lautsprecher seiner Stereoanlage: "[Die Schwingungen der Musik drangen] in meine Knochen, meine Eingeweide - und in mein Geschlecht." (ebd., S. 43)


Inzwischen hat Kinski mit Werner Herzog, welcher den Schauspieler Herbert Fux gebeten hatte, ihm Kinski vorzustellen, Aguirre gedreht. Der Erfolg, ausgehend von seiner Erstaufführung in Frankreich (fünf Jahre nach dessen Fertigstellung), läßt seinem Haupdarsteller wieder mehr Aufmerksamkeit zuteil werden. In den Interviews spricht Kinski immer wieder von seinem Traum.
Kameramänner wie Sven Nykvist oder auch der Drehbuchautor Tonino Guerra zeigen sich interessiert; Kinski aber ist an einer Zusammenarbeit nicht interessiert. Er fürchtet einen zu starken Einfluß auf "sein" Werk. Er sucht Menschen, die mit ihm die herkömmlichen Grenzen des filmischen Ausdrucks sprengen. So sucht er einen Kameramann, der als "Fallschirmspringer, mit einer Kamera am Sturzhelm und einer zweiten an seinem Körper geschnallt, durchs Licht gestürzt war, es einzufangen, noch bevor sein Fallschirm sich geöffnet hatte. Der zu jeder Zeit und in jeder Situation willig und fähig war, den Auslöser der Kamera zu bedienen." (ebd., S. 46)
Ende der 70er Jahre erreicht Kinski ein Telegramm des italienischen Produzenten Alfredo Bini, der das Skript seit Jahren kennt und sagt, daß er imstande sei, den Film zu produzieren. Kinski unterschreibt den Vertrag; auf Pressekonferenzen sprechen die beiden über Besetzung, den technischen Stab, nennen Termine. Doch scheitert auch dieses Mal die Finanzierung, weil Bini von seinen Geldgebern zuviel verlangt.
Anfang der 80er Jahre läßt Kinski sich in den USA nieder; Europa vergißt ihn, bekommt ihn gelegentlich in mehr oder minder großen Rollen in US-Filmen zu Gesicht. Seit Jahren läßt er seine Haare schulterlang wachsen. Kinski möchte jederzeit für einen eventuellen Dreh seines Filmes bereit sein. Eines jedoch scheint klar zu sein: Paganini kann nur in Italien realisiert werden. Kinski, der sich als Heimat-und Wurzelloser bezeichnet, fühlt sich in Italien zu Hause, als wäre es seine Heimat. Zunehmend läßt sich Kinski auf amerikanische Filme ein, die den für ihn entscheidenden Vorteil haben, daß sie in Italien gedreht werden.

Kinski Paganini kann realisiert werden

Während einer Drehpause zu Crawlspace trifft Kinski 1986 in Rom auf das Produzenten-Gespann Carlo Alberto Alfieri und Augusto Caminito (Inhaber der Produktionsfirma Scena-Film). Kinski unterschreibt einen Vertrag für vier Filme, auf die er sich nur einläßt, weil darunter auch Paganini sein wird. Im ersten realisierten Film, Nosferatu a Venezia, spielt er den Vampir in; in Grandi cacciatori - sein letzter begonnener Film, der während der Unterbrechung der Post-Produktion zu Kinski Paganini gedreht wird - soll man Kinski in der Titelrolle eines Großwildjägers sehen. Er bricht jedoch die Dreharbeiten aufgrund der Drehbedingungen und der ständigen Streitereien mit den Produzenten ab. Ein weiterer Film, Salta!, zu dem Kinski noch vor seinem Tod ein Kurzdrehbuch erstellt und selbst Regie führen will, wird nie gedreht.
Für Paganini, der in Co-Produktion mit der französischen Président-Film realisiert wird, erhält Kinski eine vertraglich abgesicherte uneingeschränkte Entscheidungsvollmacht. Vereinbart werden sechs Wochen tatsächlicher Vorbereitung und zehn Wochen Drehzeit. Auch das Recht auf den Endschnitt liegt in Kinskis Händen. Das Budget beträgt angeblich vier Millionen Dollar, eine für italienische Verhältnisse nicht geringe Summe.
Die Dreharbeiten zu Nosferatu a Venezia werden für Kinski ein letztes Experimentierfeld für Paganini sein. Besonders die Atmosphäre Venedigs spielt eine entscheidende Rolle, hier werden später einige Sequenzen für Paganini gedreht. In seinen drehfreien Stunden filmt Kinski aus dem Stegreif erfundene Szenen, vor allem im nebeldurchwirkten Morgengrauen. Einige dieser atmosphärischen Szenen finden dann auch tatsächlich im fertigen Film Verwendung. Der Kameramann von Nosferatu a Venezia, den Kinski für unfähig hält und sich deswegen weigert, weiter mit ihm zusammen zu arbeiten, wird bald ersetzt durch Pier Luigi Santi, der tatsächlich Fallschirmspringer und Nachrichtenreporter gewesen war, bevor er die Bildgestaltung für Spielfilme übernahm. Kinski ist erleichtert, einen Mann nach seinem Geschmack gefunden zu haben und absolut von Santis Talent überzeugt. Er wird während der Dreharbeiten zu Paganini Kinskis engster Mitarbeiter und Vertrauter.
Nach Nosferatu a Venezia dreht Kinski mit Werner Herzog Cobra Verde. Auch an den Drehorten in Ghana, Kolumbien und Brasilien arbeitet Kinski an seinem Film. Per Walkman trifft er die Auswahl der Musikstücke, bestimmt ihren Einsatz, ihre Kürzungen, die Wiederholungen: "Ich konnte einen Film von drei Stunden, zweieinhalb, zwei oder eineinhalb Stunden herstellen. Es lag alles in meiner Macht. Ich hatte meinen Film im Geiste bereits geschnitten, synchronisiert und gemischt. Ich sah ihn vor mir auf der Leinwand ablaufen. [...] Ich war nirgendwo und zu keiner Zeit woanders als am Drehort zu Paganini." (ebd., S.72 ff.)

Letzte Vorbereitungen

Nach Cobra Verde zieht sich Kinski, Anfang Mai 1987, in seine ehemalige Villa in Rom zurück und trifft die letzten Vorbereitungen für Paganini: Einfärbeproben seiner Haare werden von dem Berliner Friseur Bertold Sack durchgeführt, Paganinis persönliche Gegenstände läßt er nach Originalen, die im Paganini-Museum zu finden sind, sowie Reproduktionen nacharbeiten. In seinem Haus umgibt er sich mit all diesen Gegenständen, gibt ihnen die Patina eines gelebten Lebens. In Paris will sich Kinski alle Zähne ziehen lassen, um dann durch Teilprothesen den Krankheits- und Alterungsprozeß (Paganini litt u. a. an Syphilis) realistisch darzustellen. Sein Zahnarzt verweigert jedoch den Eingriff.
Die wichtigsten Rollen werden besetzt: Achille, Paganins Sohn, wird von Nanhoi, Kinskis Sohn, gespielt. Kinski ist glücklich darüber, daß er seinen Film erst jetzt realisieren kann, denn nun hat auch sein Sohn das richtige Alter für die Rolle. (Bei der Tonmischung des fertigen Filmes benutzt Kinski dann Tonbandaufnahmen, auf denen die vor Jahren aufgenommene Baby-Stimme Nanhois zu hören ist.) Kinskis Geliebte Debora Caprioglio stellt Paganinis große Liebe Antonia Bianchi dar. Der französische Schauspieler Bernard Blier spielt den Pater Caffarelli. Kinski engagiert auch den Pantomimen Marcel Marceau und Dalila di Lazzaro, die ihr eindrucksvolles Debüt 1973 als des Monsters Braut in Paul Morrisseys Carne per Frankenstein gab sowie Erotikstar Eva Grimaldi.
Die Japanerin Reiko kommt nach Rom, um nach Abdrücken von Kinskis Gesicht, den Händen und des Körpers, den einbalsamierten Leichnam Paganinis zu gestalten. Die Stoffe und Accessoirs für die Kostüme, die bei traditionsreichen italienischen Firmen angefertigt werden, sucht Kinski selbst aus. Die Schuhe beispielsweise werden in historischer Handwerkstechnik bei Pompei hergestellt. Bei den Farben für die Kostüme orientiert man sich an Gemälden von Goya und Velazquez. Bei aller Opulenz der Ausstattung hatte Kinski für sich selbst nicht viele Kostüme anfertigen lassen, obwohl sich sein Film über die ganze Lebenszeit Paganinis erstrecken wird: "Ich konnte bei ein und demselben Konzert (sogar von Schnitt zu Schnitt) unterschiedliche Kleidung tragen. So daß ein Konzert für all die anderen Konzerte in Paganinis Leben sprach." (ebd., S. 107)
In einem englischen Buch über Paganini findet Kinski Farbdrucke einer Bildergeschichte über den Teufelsgeiger, Legenden, die sich zu dessen Lebzeiten um ihn gebildet hatten. Kinski baut sie mit Hilfe eines Geschichtenerzählers während des venezianischen Karnevals in den Film ein, läßt für diese Szenen eigens Masken rekonstruieren und hat die beiden einzigen noch zu Lebzeiten Paganinis gebauten Gondeln zur Verfügung.
Kinski braucht einen extrem lichtempfindlichen Negativfilm und entsprechende Objektive, da er nur mit Naturlicht dreht und eine leichte und mobile Kamera, da er meist aus der Hand drehen wird und jederzeit für Aufnahmen bereit sein will. Außerdem soll in seinem Film niemand geschminkt auftreten: "Jeder Mund sollte seine Farbe oder Farblosigkeit durch seine eigene Durchblutung erhalten." (ebd., S. 117)
Schließlich stehen auch die Drehorte fest: das Opernhaus in Parma; in Venedig die Piazza San Marco, der Palazzo del Ducca, ein 500 Jahre alter jüdischer Friedhof am Lido, Kirchen, Straßen, Kanäle und Renaissance-Paläste, Schlösser und Palazzos außerhalb Roms, das Adriatische Meer vor Venedig und das Mittelmeer um Sizilien.

Beginn der Dreharbeiten

Für den ersten Drehtag am 15. September 1987 setzt er eine der zahlreichen erotischen Szenen an. Es wird deutlich, daß sein Film mehr zeigen muß als nur Darstellung oder Spiel. Manchmal ist durch Schlamperei der Produzenten der Dreh ungenügend vorbereitet, aber Kinski improvisiert und dreht trotzdem. Meist sind zwei Kameras ohne Unterbrechung im Einsatz, denn er spielt die Szenen komplett durch, um im Schneideraum genügend Material zur Verfügung zu haben. Pro Tag dreht er etwa die durchschnittliche Länge eines Spielfilms.
Salvatore Accardo besucht die Dreharbeiten und improvisiert für Paganinis Sterbeszene. Das Tonband mit Salvatore Accardos Improvisationen ist ständig zu hören, während die Kameras ohne Unterbrechung laufen. In Venedig filmt Kinski Szenen, für die er 17 Minuten Zeit hat, um das einmalige Licht zu verwenden. Ein andermal nützt er die 22 Minuten dauernde drohende Atmosphäre eines herannahenden Gewitters. 3.000 Kerzen erleuchten das Opernhaus in Parma, als Kinski die Konzertszenen dreht. Am vorletzten Drehtag filmt Kinski in Paris die Pantomime mit Marcel Marceau, die eine der zahlreichen Verhöhnungen Paganinis darstellen soll.
Nach siebeneinhalb Wochen sind die Dreharbeiten beendet. In Rom ist der Regisseur und Hauptdarsteller mit 45 Stunden belichtetem Film konfrontiert und resümiert: "Die Arbeit an Paganini war die einzige magische Arbeitszeit meines Lebens gewesen." (ebd., S. 199)

Post-Produktion

Am 2. Januar 1988 beginnt Kinski mit dem Schnitt. Er arbeitet zehn Stunden täglich. Nach fünf Wochen hat er den ersten Rohschnitt erstellt. Es folgen Musikaufnahmen mit Salvatore Accardo, der die entsprechenden Stücke direkt zu den auf der Leinwand ablaufenden Szenen spielt, Toningenieur in einem der Cinecittà-Studios ist der erfahrene Fausto Ancillai. Da bei italienischen Filmen traditionsgemäß kein Liveton aufgenommen wird, synchronisiert Klaus Kinski den Film, zunächst in Englisch. Diese Sprachfassung ist die authentischste Version des Filmes. Auch Debora Caprioglio hat sich hier, im Unterschied zur italienischen Fassung, selbst synchronisiert. Eine erste Schnittfassung wird den Filmfestspielen Cannes angeboten. Kinski spricht von einer Länge von knapp zwei Stunden.
Das "Schicksal" von Kinski Paganini
Die Kommission der Filmfestspiele Cannes läßt sich in Rom Kinski Paganini vorführen, lehnt den Film aber ab. Er sei zu "brutal", ja pornographisch. Kinski ist außer sich vor Wut und protestiert während der Festspiele im Mai 1988 im Rahmen einer Pressekonferenz, gemeinsam mit seiner Geliebten und Hauptdarstellerin Debora im Hotel Carlton, gegen die "Machenschaften" der Kommission. Die Bilder eines gegen Konformität, Verständnislosigkeit und Ignoranz anschreienden Klaus Kinski gehen um die Welt. Für ihn ist es ein Skandal, daß einige wenige zu entscheiden haben, was das Publikum sehen darf. Seine Produzenten haben den Mut verloren und kein Interesse mehr an Paganini. Nicht einmal eine endgültige Kopie lassen sie produzieren. Schließlich einigt man sich darauf eine spielbare Fassung von ungefähr eineinhalb Stunden zu erstellen. Zusätzlich fertigt Kinski eine französiche und italienische Sprachfassung an.
Auf dem Filmmarkt in Cannes kaufen die Japaner als erste, und wie sich später herausstellt als einzige Kinskis Film. Er hatte ihnen den Film auf Video in seinem Hotelzimmer präsentiert. Zwei Monate später läuft Kinski Paganini in Tokyo an. Dennoch boykottieren die Produzenten Kinskis Film und lehnen alle Anfragen diverser Filmfestivals ab. In Paris organisiert Kinski Privat-Vorführungen, die begeistert und interessiert besucht werden. Das Interesse der Medien wächst. Mehrere Artikel sowie Photo-Serien erscheinen in Zeitungen und Zeitschriften, der Film ist nach wie vor offiziell nicht zu sehen. Den Besitzer des berühmten Pariser Kinos Opéra Vandôme, dem weitere 70 Kinos in Frankreich gehören, beeindruckt Paganini derart, daß er sich verpflichten will, den Film ein Jahr lang zu spielen. Président-Film, der französische Rechteinhaber und Co-Produzent, verweigert jedoch jede kommerzielle Aufführung. Salvatore Accardo möchte Kinski Paganini auf seinen jährlichen Internationalen Musikwochen in Neapel vorführen, was aber auch ihm nicht gewährt wird.
Schließlich organisiert Kinski am 17. Dezember 1989 für 1.200 geladene Gäste eine Gala-Premiere in der Pariser Oper, um so seinen Film, in angemessener Atmosphäre, zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Ereignis zu machen. Die Gesamtkosten, 160.000 DM, bezahlt er aus eigener Tasche.
1990 endlich gewährt man dem Film - allerdings zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt, denn es ist Hochsommer und Fußballweltmeisterschaft - seinen offiziellen Kinostart in Italien, der jedoch im Sande verläuft. Kinski selbst wurde nicht benachrichtigt. Er hatte die Neuigkeit von einer römischen Freundin erfahren.
Nach der Fertigstellung von Kinski Paganini im Sommer 1988 vergehen drei Jahre, ohne daß Klaus Kinski auf der Leinwand zu sehen ist. Jahre, in denen er auch um die weltweite Aufführung seines Films kämpft. Er zieht sich in sein Holzhaus an der Küste bei San Francisco zurück, wo er am 23. November 1991 stirbt. Noch auf den letzten Seiten des posthum erschienenen dritten Teils seiner Autobiographie schreibt Kinski: "Was mich interessiert ist, daß das Kinopublikum meinen Film sieht. Der Kampf um den Verleih meines Filmes wird nicht eher enden, als bis die ganze Welt Kinski Paganini sehen kann. (ebd., S. 329)

Deutsche Erstaufführung

Fast 10 Jahre meines Lebens hat mich Kinski Paganini beschäftigt, seit dem Tag, als Berichte über dieses ehrgeizige Projekt zu lesen waren und ich den Film schließlich im Hochsommer 1990 in einem römischen Kino erlebte. Neben der Aufführung in Japan bekam man Kinskis Film weltweit nur in Italien zu sehen.
Im Herbst 1998 habe ich schließlich die Initiative ergriffen, um diesen Film zugänglich zu machen. Kinski Paganini startete am 7. Oktober 1999 mit 8 Kopien in Deutschland und Österreich. Zur Aufführung kam die von Klaus Kinski selbst angefertigte englische Synchronfassung mit deutschen Untertiteln. Die Kopien für diese Erstaufführung sind eigens von Gianni "grande amico di Klaus" Schiavoni vom Original-Negativ in Rom angefertigt worden. Schiavoni hatte ja schon 1988 mit Klaus Kinski die Farb-und Lichtwerte des Filmes bestimmt; eine heikle und anspruchsvolle Aufgabe, da Kinski ja nur mit dem ihm zur Verfügung stehenden Naturlicht und Filmmaterial hoher Empfindlichkeit gearbeitet hatte.
Unglaublich starke Reaktionen hat Klaus Kinskis einsam in der Filmlandschaft dastehendes Werk anläßlich der Deutschen Erstaufführung provoziert. Es gibt Menschen, die diesen Film lieben und wiederum andere, die während der Vorstellung voller Wut ihren Haß gegen die Leinwand schleudern; und manchmal wurde ich sogar persönlich beschimpft. Schade, daß Klaus Kinski dies nicht mehr erleben konnte.