Inzwischen hat Kinski mit Werner Herzog, welcher den Schauspieler Herbert
Fux gebeten hatte, ihm Kinski vorzustellen, Aguirre gedreht. Der Erfolg,
ausgehend von seiner Erstaufführung in Frankreich (fünf Jahre nach dessen
Fertigstellung), läßt seinem Haupdarsteller wieder mehr Aufmerksamkeit
zuteil werden. In den Interviews spricht Kinski immer wieder von seinem
Traum.
Kameramänner wie Sven Nykvist oder auch der Drehbuchautor Tonino Guerra
zeigen sich interessiert; Kinski aber ist an einer Zusammenarbeit nicht
interessiert. Er fürchtet einen zu starken Einfluß auf "sein" Werk. Er sucht
Menschen, die mit ihm die herkömmlichen Grenzen des filmischen Ausdrucks
sprengen. So sucht er einen Kameramann, der als "Fallschirmspringer, mit
einer Kamera am Sturzhelm und einer zweiten an seinem Körper geschnallt,
durchs Licht
gestürzt war, es einzufangen, noch bevor sein Fallschirm sich geöffnet
hatte. Der zu jeder Zeit und in jeder Situation willig und fähig war, den
Auslöser der Kamera zu bedienen." (ebd., S. 46)
Ende der 70er Jahre erreicht Kinski ein Telegramm des italienischen
Produzenten Alfredo Bini, der das Skript seit Jahren kennt und sagt, daß er
imstande sei, den Film zu produzieren. Kinski unterschreibt den Vertrag; auf
Pressekonferenzen sprechen die beiden über Besetzung, den technischen Stab,
nennen Termine. Doch scheitert auch dieses Mal die Finanzierung, weil Bini
von seinen Geldgebern zuviel verlangt.
Anfang der 80er Jahre läßt Kinski sich in den USA nieder; Europa vergißt
ihn, bekommt ihn gelegentlich in mehr oder minder großen Rollen in US-Filmen
zu Gesicht. Seit Jahren läßt er seine Haare schulterlang wachsen. Kinski
möchte jederzeit für einen eventuellen Dreh seines Filmes bereit sein. Eines
jedoch scheint klar zu sein: Paganini kann nur in Italien realisiert werden.
Kinski, der sich als Heimat-und Wurzelloser bezeichnet, fühlt sich in
Italien zu Hause, als wäre es seine Heimat. Zunehmend läßt sich Kinski auf
amerikanische Filme ein, die den für ihn entscheidenden Vorteil haben, daß
sie in Italien gedreht werden.
Kinski Paganini kann realisiert werden
Während einer Drehpause zu Crawlspace trifft Kinski 1986 in Rom auf das
Produzenten-Gespann Carlo Alberto Alfieri und Augusto Caminito (Inhaber der
Produktionsfirma Scena-Film). Kinski unterschreibt einen Vertrag für vier
Filme, auf die er sich nur einläßt, weil darunter auch Paganini sein wird.
Im ersten realisierten Film, Nosferatu a Venezia, spielt er den Vampir in;
in Grandi cacciatori - sein letzter begonnener Film, der während der
Unterbrechung der Post-Produktion zu Kinski Paganini gedreht wird - soll man
Kinski in der Titelrolle eines Großwildjägers sehen. Er bricht jedoch die
Dreharbeiten aufgrund der Drehbedingungen und der ständigen Streitereien mit
den Produzenten ab. Ein weiterer Film, Salta!, zu dem Kinski noch vor seinem
Tod ein Kurzdrehbuch erstellt und selbst Regie führen will, wird nie
gedreht.
Für Paganini, der in Co-Produktion mit der französischen Président-Film
realisiert wird, erhält Kinski eine vertraglich abgesicherte
uneingeschränkte Entscheidungsvollmacht. Vereinbart werden sechs Wochen
tatsächlicher Vorbereitung und zehn Wochen Drehzeit. Auch das Recht auf den
Endschnitt liegt in Kinskis Händen. Das Budget beträgt angeblich vier
Millionen Dollar, eine für italienische Verhältnisse nicht geringe Summe.
Die Dreharbeiten zu Nosferatu a Venezia werden für Kinski ein letztes
Experimentierfeld für Paganini sein. Besonders die Atmosphäre Venedigs
spielt eine entscheidende Rolle, hier werden später einige Sequenzen für
Paganini gedreht. In seinen drehfreien Stunden filmt Kinski aus dem Stegreif
erfundene Szenen, vor allem im nebeldurchwirkten Morgengrauen. Einige dieser
atmosphärischen Szenen finden dann auch tatsächlich im fertigen Film
Verwendung. Der Kameramann von Nosferatu a Venezia, den Kinski für unfähig
hält und sich deswegen weigert, weiter mit ihm zusammen zu arbeiten, wird
bald ersetzt durch Pier Luigi Santi, der tatsächlich Fallschirmspringer und
Nachrichtenreporter gewesen war, bevor er die Bildgestaltung für Spielfilme
übernahm. Kinski ist erleichtert, einen Mann nach seinem Geschmack gefunden
zu haben und absolut von Santis Talent überzeugt. Er wird während der
Dreharbeiten zu Paganini Kinskis engster Mitarbeiter und Vertrauter.
Nach Nosferatu a Venezia dreht Kinski mit Werner Herzog Cobra Verde. Auch an
den Drehorten in Ghana, Kolumbien und Brasilien arbeitet Kinski an seinem
Film. Per Walkman trifft er die Auswahl der Musikstücke, bestimmt ihren
Einsatz, ihre Kürzungen, die Wiederholungen: "Ich konnte einen Film von drei
Stunden, zweieinhalb, zwei oder eineinhalb Stunden herstellen. Es lag alles
in meiner Macht. Ich hatte meinen Film im Geiste bereits geschnitten,
synchronisiert und gemischt. Ich sah ihn vor mir auf der Leinwand ablaufen.
[...] Ich war nirgendwo und zu keiner Zeit woanders als am Drehort zu
Paganini." (ebd., S.72 ff.)
Letzte Vorbereitungen
Nach Cobra Verde zieht sich Kinski, Anfang Mai 1987, in seine ehemalige
Villa in Rom zurück und trifft die letzten Vorbereitungen für Paganini:
Einfärbeproben seiner Haare werden von dem Berliner Friseur Bertold Sack
durchgeführt, Paganinis persönliche Gegenstände läßt er nach Originalen, die
im Paganini-Museum zu finden sind, sowie Reproduktionen nacharbeiten. In
seinem Haus umgibt er sich mit all diesen Gegenständen, gibt ihnen die
Patina eines gelebten Lebens. In Paris will sich Kinski alle Zähne ziehen
lassen, um dann durch Teilprothesen den Krankheits- und Alterungsprozeß
(Paganini litt u. a. an Syphilis) realistisch darzustellen. Sein Zahnarzt
verweigert jedoch den Eingriff.
Die wichtigsten Rollen werden besetzt: Achille, Paganins Sohn, wird von
Nanhoi, Kinskis Sohn, gespielt. Kinski ist glücklich darüber, daß er seinen
Film erst jetzt realisieren kann, denn nun hat auch sein Sohn das richtige
Alter für die Rolle. (Bei der Tonmischung des fertigen Filmes benutzt Kinski
dann Tonbandaufnahmen, auf denen die vor Jahren aufgenommene Baby-Stimme
Nanhois zu hören ist.) Kinskis Geliebte Debora Caprioglio stellt Paganinis
große Liebe Antonia Bianchi dar. Der französische Schauspieler Bernard Blier
spielt den Pater Caffarelli. Kinski engagiert auch den Pantomimen Marcel
Marceau und Dalila di Lazzaro, die ihr eindrucksvolles Debüt 1973 als des
Monsters Braut in Paul Morrisseys Carne per Frankenstein gab sowie
Erotikstar Eva Grimaldi.
Die Japanerin Reiko kommt nach Rom, um nach Abdrücken von Kinskis Gesicht,
den Händen und des Körpers, den einbalsamierten Leichnam Paganinis zu
gestalten. Die Stoffe und Accessoirs für die Kostüme, die bei
traditionsreichen italienischen Firmen angefertigt werden, sucht Kinski
selbst aus. Die Schuhe beispielsweise werden in historischer
Handwerkstechnik bei Pompei hergestellt. Bei den Farben für die Kostüme
orientiert man sich an Gemälden von Goya und Velazquez. Bei aller Opulenz
der Ausstattung hatte Kinski für sich selbst nicht viele Kostüme anfertigen
lassen, obwohl sich sein Film über die ganze Lebenszeit Paganinis erstrecken
wird: "Ich konnte bei ein und demselben Konzert (sogar von Schnitt zu
Schnitt) unterschiedliche Kleidung tragen. So daß ein Konzert für all die
anderen Konzerte in Paganinis Leben sprach." (ebd., S. 107)
In einem englischen Buch über Paganini findet Kinski Farbdrucke einer
Bildergeschichte über den Teufelsgeiger, Legenden, die sich zu dessen
Lebzeiten um ihn gebildet hatten. Kinski baut sie mit Hilfe eines
Geschichtenerzählers während des venezianischen Karnevals in den Film ein,
läßt für diese Szenen eigens Masken rekonstruieren und hat die beiden
einzigen noch zu Lebzeiten Paganinis gebauten Gondeln zur Verfügung.
Kinski braucht einen extrem lichtempfindlichen Negativfilm und entsprechende
Objektive, da er nur mit Naturlicht dreht und eine leichte und mobile
Kamera, da er meist aus der Hand drehen wird und jederzeit für Aufnahmen
bereit sein will. Außerdem soll in seinem Film niemand geschminkt auftreten:
"Jeder Mund sollte seine Farbe oder Farblosigkeit durch seine eigene
Durchblutung erhalten." (ebd., S. 117)
Schließlich stehen auch die Drehorte fest: das Opernhaus in Parma; in
Venedig die Piazza San Marco, der Palazzo del Ducca, ein 500 Jahre alter
jüdischer Friedhof am Lido, Kirchen, Straßen, Kanäle und
Renaissance-Paläste, Schlösser und Palazzos außerhalb Roms, das Adriatische
Meer vor Venedig und das Mittelmeer um Sizilien.
Beginn der Dreharbeiten
Für den ersten Drehtag am 15. September 1987 setzt er eine der zahlreichen
erotischen Szenen an. Es wird deutlich, daß sein Film mehr zeigen muß als
nur Darstellung oder Spiel. Manchmal ist durch Schlamperei der Produzenten
der Dreh ungenügend vorbereitet, aber Kinski improvisiert und dreht
trotzdem. Meist sind zwei Kameras ohne Unterbrechung im Einsatz, denn er
spielt die Szenen komplett durch, um im Schneideraum genügend Material zur
Verfügung zu haben. Pro Tag dreht er etwa die durchschnittliche Länge eines
Spielfilms.
Salvatore Accardo besucht die Dreharbeiten und improvisiert für Paganinis
Sterbeszene. Das Tonband mit Salvatore Accardos Improvisationen ist ständig
zu hören, während die Kameras ohne Unterbrechung laufen. In Venedig filmt
Kinski Szenen, für die er 17 Minuten Zeit hat, um das einmalige Licht zu
verwenden. Ein andermal nützt er die 22 Minuten dauernde drohende Atmosphäre
eines herannahenden Gewitters. 3.000 Kerzen erleuchten das Opernhaus in
Parma, als Kinski die Konzertszenen dreht. Am vorletzten Drehtag filmt
Kinski in Paris die Pantomime mit Marcel Marceau, die eine der zahlreichen
Verhöhnungen Paganinis darstellen soll.
Nach siebeneinhalb Wochen sind die Dreharbeiten beendet. In Rom ist der
Regisseur und Hauptdarsteller mit 45 Stunden belichtetem Film konfrontiert
und resümiert: "Die Arbeit an Paganini war die einzige magische Arbeitszeit
meines Lebens gewesen." (ebd., S. 199)
Post-Produktion
Am 2. Januar 1988 beginnt Kinski mit dem Schnitt. Er arbeitet zehn Stunden
täglich. Nach fünf Wochen hat er den ersten Rohschnitt erstellt. Es folgen
Musikaufnahmen mit Salvatore Accardo, der die entsprechenden Stücke direkt
zu den auf der Leinwand ablaufenden Szenen spielt, Toningenieur in einem der
Cinecittà-Studios ist der erfahrene Fausto Ancillai. Da bei italienischen
Filmen traditionsgemäß kein Liveton aufgenommen wird, synchronisiert Klaus
Kinski den Film, zunächst in Englisch. Diese Sprachfassung ist die
authentischste Version des Filmes. Auch Debora Caprioglio hat sich hier, im
Unterschied zur italienischen Fassung, selbst synchronisiert. Eine erste
Schnittfassung wird den Filmfestspielen Cannes angeboten. Kinski spricht von
einer Länge von knapp zwei Stunden.
Das "Schicksal" von Kinski Paganini
Die Kommission der Filmfestspiele Cannes läßt sich in Rom Kinski Paganini
vorführen, lehnt den Film aber ab. Er sei zu "brutal", ja pornographisch.
Kinski ist außer sich vor Wut und protestiert während der Festspiele im Mai
1988 im Rahmen einer Pressekonferenz, gemeinsam mit seiner Geliebten und
Hauptdarstellerin Debora im Hotel Carlton, gegen die "Machenschaften" der
Kommission. Die Bilder eines gegen Konformität, Verständnislosigkeit und
Ignoranz anschreienden Klaus Kinski gehen um die Welt. Für ihn ist es ein
Skandal, daß einige wenige zu entscheiden haben, was das Publikum sehen
darf. Seine Produzenten haben den Mut verloren und kein Interesse mehr an
Paganini. Nicht einmal eine endgültige Kopie lassen sie produzieren.
Schließlich einigt man sich darauf eine spielbare Fassung von ungefähr
eineinhalb Stunden zu erstellen. Zusätzlich fertigt Kinski eine französiche
und italienische Sprachfassung an.
Auf dem Filmmarkt in Cannes kaufen die Japaner als erste, und wie sich
später herausstellt als einzige Kinskis Film. Er hatte ihnen den Film auf
Video in seinem Hotelzimmer präsentiert. Zwei Monate später läuft Kinski
Paganini in Tokyo an. Dennoch boykottieren die Produzenten Kinskis Film und
lehnen alle Anfragen diverser Filmfestivals ab. In Paris organisiert Kinski
Privat-Vorführungen, die begeistert und interessiert besucht werden. Das
Interesse der Medien wächst. Mehrere Artikel sowie Photo-Serien erscheinen
in Zeitungen und Zeitschriften, der Film ist nach wie vor offiziell nicht zu
sehen. Den Besitzer des berühmten Pariser Kinos Opéra Vandôme, dem weitere
70 Kinos in Frankreich gehören, beeindruckt Paganini derart, daß er sich
verpflichten will, den Film ein Jahr lang zu spielen. Président-Film, der
französische Rechteinhaber und Co-Produzent, verweigert jedoch jede
kommerzielle Aufführung. Salvatore Accardo möchte Kinski Paganini auf seinen
jährlichen Internationalen Musikwochen in Neapel vorführen, was aber auch
ihm nicht gewährt wird.
Schließlich organisiert Kinski am 17. Dezember 1989 für 1.200 geladene Gäste
eine Gala-Premiere in der Pariser Oper, um so seinen Film, in angemessener
Atmosphäre, zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Ereignis zu machen.
Die Gesamtkosten, 160.000 DM, bezahlt er aus eigener Tasche.
1990 endlich gewährt man dem Film - allerdings zu einem sehr ungünstigen
Zeitpunkt, denn es ist Hochsommer und Fußballweltmeisterschaft - seinen
offiziellen Kinostart in Italien, der jedoch im Sande verläuft. Kinski
selbst wurde nicht benachrichtigt. Er hatte die Neuigkeit von einer
römischen Freundin erfahren.
Nach der Fertigstellung von Kinski Paganini im Sommer 1988 vergehen drei
Jahre, ohne daß Klaus Kinski auf der Leinwand zu sehen ist. Jahre, in denen
er auch um die weltweite Aufführung seines Films kämpft. Er zieht sich in
sein Holzhaus an der Küste bei San Francisco zurück, wo er am 23. November
1991 stirbt. Noch auf den letzten Seiten des posthum erschienenen dritten
Teils seiner Autobiographie schreibt Kinski: "Was mich interessiert ist, daß
das Kinopublikum meinen Film sieht. Der Kampf um den Verleih meines Filmes
wird nicht eher enden, als bis die ganze Welt Kinski Paganini sehen kann.
(ebd., S. 329)
Deutsche Erstaufführung
Fast 10 Jahre meines Lebens hat mich Kinski Paganini beschäftigt, seit dem
Tag, als Berichte über dieses ehrgeizige Projekt zu lesen waren und ich den
Film schließlich im Hochsommer 1990 in einem römischen Kino erlebte. Neben
der Aufführung in Japan bekam man Kinskis Film weltweit nur in Italien zu
sehen.
Im Herbst 1998 habe ich schließlich die Initiative ergriffen, um diesen Film
zugänglich zu machen. Kinski Paganini startete am 7. Oktober 1999 mit 8
Kopien in Deutschland und Österreich. Zur Aufführung kam die von Klaus
Kinski selbst angefertigte englische Synchronfassung mit deutschen
Untertiteln. Die Kopien für diese Erstaufführung sind eigens von Gianni
"grande amico di Klaus" Schiavoni vom Original-Negativ in Rom angefertigt
worden. Schiavoni hatte ja schon 1988 mit Klaus Kinski die Farb-und
Lichtwerte des Filmes bestimmt; eine heikle und anspruchsvolle Aufgabe, da
Kinski ja nur mit dem ihm zur Verfügung stehenden Naturlicht und
Filmmaterial hoher Empfindlichkeit gearbeitet hatte.
Unglaublich starke Reaktionen hat Klaus Kinskis einsam in der Filmlandschaft
dastehendes Werk anläßlich der Deutschen Erstaufführung provoziert. Es gibt
Menschen, die diesen Film lieben und wiederum andere, die während der
Vorstellung voller Wut ihren Haß gegen die Leinwand schleudern; und manchmal
wurde ich sogar persönlich beschimpft. Schade, daß Klaus Kinski dies nicht
mehr erleben konnte.